Der Wolf und die Not der Jäger

(Kommentare: 0)

Intraguild predation - die möchte man Kindern gerne verschweigen. Denn was der den Biologen wohlvertraute Begriff beschreibt, ist eigentlich nicht jugendfrei: Es ist das Töten der Konkurrenz. Hier geht es nicht um Jäger, die ihren Hunger stillen müssen. Hier töten Jäger jene, die mit ihnen in der gleichen Zunft jagen. Löwen betrachten Hyänen, Geparde, Leoparden, Schakale, Wildhunde, Honigdachse und auch die kleinen Löffelhunde als Schädlinge und verfahren mit ihnen entsprechend. Und Löwen sind keineswegs die einzigen Killer. Allein bei landlebenden Säugetieren räumen an die 30 Arten nachweislich Konkurrenten anderer Arten aus dem Weg.

Auch Menschen töten in diesem Konkurrenzgefüge ihre tierischen Jagdrivalen. Die Liste der von uns verfolgten fleischfressenden Säuger ist lang genug für eine Registerarie. Der Alltag dieser intraguild predation kostete im letzten Jagdjahr in Österreich mehr als 21.000 Baum- und Steinmarder, an die 6.000 Iltisse, fast 14.000 Wiesel und mehr als 56.000 Füchse das Leben. Für den Generalsekretär der österreichischen Landesjagdverbände ist die „Beutegreiferbejagung heute wichtiger denn je", und „für viele Beutearten lebensnotwendig". Und jetzt steckt noch einer dieser Beutegreifer seinen Kopf zu Österreichs Türe herein: der Wolf. Werden die Jäger auf ihn reagieren wie Löwen auf Hyänen?

Die meisten von uns haben mit dem Wolf nicht viel zu tun. Das Vieh, das uns nährt, ist in Fleisch und Milchfabriken gesperrt, außer Reichweite für einen hungrigen Wolf. Deshalb begrüßen viele von uns seine Rückkehr - Artenvielfalt! - denn wir haben nichts, das der Wolf uns nehmen könnte. Unser Leben? Ach was! Er stellt nicht uns, sondern unserem Vieh nach, das wissen wir seit wir ihn kennen - und wir kennen ihn schon sehr lange und sehr gut. Der Wolf trägt einen der ältesten, in lautlicher Gestalt und bedeutungsmäßigem Gehalt gesicherten Tiernamen: *u´lkwo, aus dem sich lautgesetzlich unser Wolf, das italische lupus und andere als Erbwörter entwickelt haben. *u´lkwo- der Gefährliche, der Energische. Gefährlich? Als wir ihn vor mehr als 5000 Jahren so nannten, hatten wir längst schon Wölfe wohlwollend in unsere Gesellschaft aufgenommen. Jene, die am wenigsten Angst vor uns hatten. Als Hunde kollaborieren diese Überläufer seither mit uns, bereit die Tiere in unserer Obhut gegen ihre Stammväter zu verteidigen. Denn gefährlich ist der Wolf vor allem als Konkurrent um das, was wir hegen - und das war lange für viele und ist für wenige noch immer die Lebensgrundlage. Uns Menschen meidet der Wolf, aber er begehrt, was uns gehört - allem voran Schafe - so sehr, dass wir ihn manchmal sprichwörtlich in deren Pelz stecken. Er ist der Räuber par excellence, die fleischgewordene, unverbesserliche Missachtung des 10. Gebots. Seine Vernichtung wurde 1113 von Santiago de Compostela aus als christliche Pflicht angeordnet, und nach einem flächendeckenden systematischen Kreuzzug war Mitteleuropa seit Mitte des 19. Jahrhunderts praktisch wolf-frei.

Das war auch tatsächlich sehr praktisch. Sorg- und konkurrenzlos konnten die Menschen ihr Vieh weiden und vermehren, ohne Aufwand und Kosten für Hirten, Zäune, Hunde und Pferche. Die Tierhalter, besonders die Schaf- und Ziegenzüchter, waren's zufrieden. Dem wiederkehrenden Wolf gegenüber vertreten sie auch heute noch eine klare, nachvollziehbare Position und man wird wohl keinen Kleinviehzüchter mit Weide- und oder Almhaltung finden, der die Wiedereinbürgerung des Wolfes begrüßt.

Jäger haben da eine schwierigere Position. Es ist das erklärte Ziel der Jagd, einen gesunden und artenreichen Wildbestand wennschon nicht zu schaffen, so doch zu erhalten - und ein selbstständig zuwandernder Wolf gehört eindeutig dazu. Obwohl kaum einer einen Wolfsbau im Revier haben möchte, so freut sich doch mancher Jäger über einen sporadisch durchwandernden Wolf - nicht als künftigen Pelzkragen, sondern als Bereicherung der Artenvielfalt in seinem Revier. Doch einen prominenten Jagdbereich bringt der Wolf gehörig in Schwierigkeiten: die auf den Hirsch zugeschnittene Jagdwirtschaft, deren tragende Säule die mit enormem Aufwand und Arbeitseinsatz geleistete Winterfütterung ist. Der steirische Landesjägermeister Heinz Gach ist realistisch: diese „Form der Rotwildbewirtschaftung hat den Wolf nicht eingeplant". Zweifellos wird „das System der Rotwildüberwinterung unweigerlich zu ernsthaften Schwierigkeiten mit diesem Beutegreifer führen". Löwen ziehen von Wasserloch zu Wasserloch, nachdem ihre Beutetiere an einer Stelle zu vorsichtig geworden sind. Wölfe werden von Wildfütterung zu Wildfütterung ziehen. Doch in diesem Fall wollen sich die Jäger, den Kleinviehzüchtern gleich, nicht als Futterlieferant für Wildtiere sehen.

Wie also werden, wie können die Jäger reagieren? Würden die Jäger jagen wie Wölfe, dann müssten sie Wölfe jagen. Denn auch Wölfe töten ihre Jagdrivalen: junge Braunbären, Schakale, Füchse, Hunde, Pumas, Vielfraße, Otter, Marder, Streifenskunks und Marderhunde. Doch menschliche Jagd ist nicht das tierische Ausleben eines Urtriebes, ist kein primitives Rudiment der Gesellschaft. Jagd ist eine alte Kultur, eng mit den Errungenschaften unserer Zivilisation verbunden. Im Laufe der Soziogenese entstand durch das Vorrücken selbstauferlegter Schamschwellen und einer zunehmenden Selbstkontrolle über Jahrhunderte ein komplexes System von Regeln und Riten. Man erlegt nicht einfach das erstbeste Stück Wild, das man erwischt, man zerlegt einen Hirsch nicht „wie ein Schwein", sondern kunstgerecht. Gottfried von Strassburg verwendete Anfang des 13. Jahrhunderts in seinem Tristan über 200 Verse auf diesen Ausweis höfischer Erziehung und Lebensart. Es war die Zeit, in der die Jagdkultur und die Strukturierung und Diversifizierung der Jagd ihren Höhepunkt erreichte.

Auch heutige Jäger sind eingebettet in ein vielschichtiges System jagdlicher Normen und Gebräuche, doch unser zeitgenössisches Jagdsystem ist das konservative Kind einer Revolution. Diese Revolution von 1848 reduzierte die jahrhundertealte soziologische Komplexität der Jagd mit einem Schlag auf ein Minimum und damit, vorerst, auch die hemmende Selbstbeschränkung. Die jagdliche Führungsschicht, plötzlich aller Privilegien für verlustig erklärt, musste auf diesen soziopolitischen und ideologischen Umbruch rasch reagieren, wollte sie die Jagd als identitätsstiftende Beschäftigung erhalten, und ihr gleichzeitig die notwendige gesellschaftliche Rechtfertigung geben.

Das gelang mit dem Jagdpatent vom 7. März 1849 durch einen nahezu fliegenden Wechsel von der Aristokratie in die Plutokratie - die Bindung des Jagdrechts an Grund und Boden, die Bindung des tatsächlichen Jagdausübungsrechtes allerdings an eine Mindestgröße Grundeigentum, und die Möglichkeit, dieses Jagdausübungsrecht zu (ver)pachten - sowie die Verlagerung des jagdlichen Ehrgeizes auf das Hegen vor dem Erlegen. „Kein Heger, kein Jäger!" bringt es der österreichische Reichsratsabgeordnete Ernst Emanuel Graf von Silva-Tarouca 1899 auf den Punkt. Jagen bedeutete nun nicht mehr nur die Nutzung, sondern auch die Betreuung des Wildes: Der Grundstein für Nachhaltigkeit war gelegt - und sollte sich vor allem in der Rotwildhege als Sprungbrett in die Tierzucht erweisen. Denn gerade beim geweihtragenden Rotwild ließen sich die Hegebemühungen, vor allem genetische Auslese und Fütterung, rasch und effizient umsetzen. Dieses aus den damaligen Notwendigkeiten geschaffene System erfüllte seinen Zweck: Die Grundlage der Jagd, das Wild, hatte als langfristig und nachhaltig nutzbare Einnahmequelle einen Wert für den Grundeigentümer, und dieser damit ein Interesse an der Mehrung des Wildbestandes. Und wie er sich mehrte! Seit den 1960er und 70er Jahren ist das Rotwild in einem Dauerhoch, werden in Österreich jährlich um die 50.000 Stück Rotwild, also geweihtragende Hirsche, weibliches Wild und Jungtiere erlegt, Tendenz steigend.

Ohne Bär und Wolf befinden sich die Jäger, den Viehhaltern gleich, in einem geradezu paradiesischen Hegezustand, denn infolge der intensiven Fütterung ist auch der Winter zahnlos geworden. Das war lange Zeit eine win-win Situation für viele Grundbesitzer und Jäger. Erstere, weil sie für wildreiche Reviere eine hohe Jagdpacht erzielen, letztere, weil sie für Geld Wildreichtum, und damit eine planbare Verfügbarkeit „reifer" Hirsche und einen zuverlässigen und raschen jagdlichen Erfolg bekommen.
Doch so wie das Zaubertöpfchen im Märchen, das auf Befehl süßen Hirsebrei ohne Ende kocht, bis die Stadt darin versinkt, ist auch die Rotwildhege längst kein Segen mehr. Die bestehende Rotwildbewirtschaftung, mit einem Vorrang der Ökonomie vor der Ökologie, nutzt jenen, die die Jagdpacht und jenen, die die Erntehirsche einfahren. Hubert Schatz, der Wildökologe des Landes Vorarlberg, weiß aus Erfahrung, dass viele Jäger, die die Basis dieses Systems bewirtschaften, die Jagdausübung fast nur noch als „Knochenarbeit" empfinden. Sie müssen, oft erst nach erfolgreicher Kür des Jagdherrn, den Pflichtabschuss erfüllen und weibliches Wild und Kälber in schwer zugänglichen Bergwäldern erlegen. Dort, wo wenig Wild sein sollte, weil die Regeneration des Waldes für den Schutz der Tallagen vor Lawinen, Muren und Hochwasser besonders wichtig ist, wo oft aber viel Wild gehegt wird, weil die Jagd, wenn der Wildbestand hoch ist, meist eine bessere Einnahmequelle ist als der Wald. Die Folgen sind „Unzufriedenheit und Freudlosigkeit wegen zuviel Wild....Probleme mit Grundeigentümern und Behörde....Auflagen und Forderungen...ein permanentes Problemewälzen... Der Jäger hat sich so vielerorts zum Sklaven seines „eigenen" hohen Rotwildbestandes gemacht" - Das erweckt den Eindruck als hätte sich der barocke Jagdsadismus in postmodernen Masochismus gewandelt, doch es ist die Eigendynamik dieses Rotwild-Jagdwirtschaftssystems, in welchem die an Grund und Boden gebundene Jagdausübung käuflich, der „starke" Hirsch das Zielprodukt und Zeit eine der wichtigsten wirtschaftlichen Größen ist.

Viele Maßnahmen des Jagdmanagements, etwa Fütterungspflicht, Wintergatter, Wahlabschuß, also eine strenge Selektion von „Artverderbern" gemäß detaillierter Trophäenkriterien, eine strenge Schonung von „gut veranlagten" Hirschen, verpflichtende Trophäenschauen, bei welchen in wahrer Knochenarbeit Geweihe und Gehörne von Kommissionen genauestens inspiziert und bewertet werden, Zielvorgaben für eine Altersstruktur, Wildstands-Berechnungen, "begleitende behördliche Kontrolle", wie etwa die Grünvorlage (der körperliche Abschussnachweis), eine penible Einteilungen in Zonen, in welchen viel Rotwild erwünscht ist, in welchen es gerade noch toleriert wird und in welchen eine Überschreitung des Betretungsverbotes tödlich geahndet wird - all das und vieles mehr können durchaus kurzfristige Lösungen für unmittelbare Probleme sein. Doch ein durchschlagender Erfolg ist bisher nicht absehbar. Bereits mittelfristig ist das geistreiche Bonmot des amerikanischen Journalisten Eric Sevareid "The chief cause of problems is solutions" auch hier
sehr treffend.
Diesbezüglich unterscheidet sich das Jagdsystem nicht sonderlich vom Schul-, Pensions- oder Gesundheitssystem: Die Hauptursache des Problems sind dessen Lösungen. Denn im Laufe der Zeit und in Summe werden die unmittelbar zweifellos sinnvollen und auch kostengünstigen Maßnahmen zu Belastungen und aufgrund unvorhersehbarer, sich anhäufender Schwächen letztlich Investitionen ohne weitere Wertsteigerung. Die Ökonomisierung der Jagd und das Wertesystem, in dem der größte jagdliche Erfolg in der Erlegung alter Trophäenträger liegt, haben für die Jagd auf Rotwild ein komplexes Hegesystem geschaffen, in dem die Zeit- und Geldkosten zur Selbsterhaltung dieses pedantischen Gefüges dessen Nutzen übersteigen. In diesem System, in welchem der Jagdaufwand zunehmend steigt und das Wild durch den hohen Jagddruck bereits so anthropophobisch ist, dass wandernde Nichtjäger den Jagderfolg beeinträchtigen können, verursacht bereits ein einziger Bär, der in einem Fütterungsgatter einen einzigen Hirsch gerissen hat, enormen Aufruhr und Aufwand.

Und dann kommt der Wolf. Selbst bei rational nüchterner Betrachtung ist klar, dass bereits wenige Wölfe das auftoupierte Jagdkonstrukt gewaltig ins Wanken, wenn nicht zum Einsturz, bringen. In diesem komplexen Gefüge gleicht der Wolf jenem Käufer, der im Supermarkt die unterste Dose aus dem hochgestapelten Turm herauszieht. Denn der Wolf jagt ohne Rücksicht auf Trophäenkriterien, erwischt den Geweihträger im Bast oder auch ohne Geweih - ein Tabubruch mit Selbstanzeigepflicht für einen Jäger-, er reißt auch einen Hirsch, der für einen zahlenden Jagdgast reserviert war, er weiß nicht um die jagdwirtschaftliche Notwendigkeit eines optimal strukturierten Altersklassenaufbaus und eines ausgeglichenen Geschlechterverhältnisses. Einer, in dessen Revier Wölfe jagen, Friedrich Karl von Eggerling, Oberforstrat , Jäger, Vorsitzender des Ausschusses „Wildtier und Umwelt" und lt Wikipedia auch Naturschützer, beklagt, dass es dann „ganz unmöglich" sei, „mit annähernder Sicherheit zu sagen, welche Anteile an Geschlecht, Alter und Güteklasse dem Jäger aus dem behördlichen Abschussplan verbleiben" und empfindet den Wolf als "echtes Handicap bei der Jagd" da er allerlei „Denkarbeit" vom Jäger erfordert". Na, Denkarbeit werden sich die Jäger doch noch zutrauen. Wölfe machen das Wild vorsichtig, wachsam, und vor allem: unberechenbarer. Der gute Jäger berücksichtigt neben den wechselnden Witterungs- und Windverhältnissen dann eben auch den Wolf. Doch um unter den selektiven Anforderungen dieses Systems einen raschen Jagderfolg zu erreichen und auch möglichst viel Wild zu erlegen, muss das Wild in hohem Maß berechenbar und in seinem Vorkommen vorhersehbar sein. Eine Deckelung von Wolfbeständen, wie sie von manchen Jägern gefordert wird, wird das Problem nicht lösen. Der Wolf raubt ja nicht nur das Wild, er raubt auch manche arrangierte Jagdgelegenheit, kurz: bereits wenige Wölfe können die schöne Vorhersehbarkeit der Jagd und so manche jagdwirtschaftliche Planung stören.

Können die Jagdwirtschafter das tolerieren? Bejagung konkurrierender Beutegreifer ist, wie es der ehemalige Vorarlberger Landesjägermeister zusammenfasste, schließlich „im Interesse einer vernünftigen Wildtierbewirtschaftung". Offiziell ist der Wolf eine „nicht-jagdbare“ Wildart, aus gutem Grund durch strenge internationale Abkommen und nationale Gesetze geschützt und daher ganzjährig geschont, doch eine ablehnende Haltung ihm gegenüber gehört vielerorts zur sozialen Identität der Jäger. Da liegt man wohl nicht allzu falsch, wenn man annimmt, dass der Wolf in Österreich, wie es so schön euphemistisch heißt, „letal vergrämt" werden könnte. Kurzfristig kann damit das bestehende Jagdsystem noch eine Weile aufrechterhalten werden. Doch bereits mittelfristig erweisen die Wolfsjäger der Jagd damit einen wahren Bärendienst.

Denn um in der derzeitigen Struktur gesellschaftlich zu bestehen, muss die Jagd einen gesellschaftlichen Nutzen aufweisen. Der ist für das jagdlich ungeschulte Auge jedoch schwer erkennbar. Das Funktionieren des Modells Jagd als "public-private partnership", die Mobilisierung privaten Kapitals und Fachwissens zur Erfüllung staatlicher Aufgaben, namentlich der Wildreduktion zu Gunsten des Waldes, muss bezweifelt werden: die Verjüngung des Waldes ist auf zwei Dritteln der Fläche durch Wildverbiss mittel oder stark beeinflusst, also langfristig geschädigt. Zwar haften die Jäger für „ihr" Wild und müssen, wenngleich auch Forstwirtschaft und Tourismus als Verursacher beteiligt sind, für Wildschäden aufkommen, per Gesetz zur Gänze, tatsächlich zu etwa einem Drittel, doch ist die Kompensation eines Schadens noch lange kein Nutzen. Jäger bringen Wildbret - das schmeckt köstlich, doch es reicht als gesellschaftliche Verteidigung der Jagd nicht aus. In ihrer Rechtfertigungsnot präsentieren sich die Jäger nun vor allem als Anwälte von Wildtieren, schließlich liegt ja der Bejagung des Einzeltieres die Erhaltung der Population zu Grunde. Doch es geht nicht nur um die Erhaltung ihrer Beutetiere: Jäger haben sich auch „die Erhaltung und Förderung seltener, gefährdeter Wildtierarten" auf ihre Fahnen geschrieben. Lobbyisten auf höchster EU-Ebene (FACE, ELO, CIC) werden nicht müde zu beteuern, dass die Jagd nachhaltig zur Erhaltung der Biodiversität beiträgt. In einer Zeit mit stetig zunehmenden Wertschätzung der Natur sind Artenschutz, Lebensraumsicherung und Nachhaltigkeit starke soziale Signale, die der Jagd den gesellschaftlichen Halt sichern sollen. Denn kaum jemand wird diese hehren Ziele kritisieren – wer will es dann noch wagen, die soziale Legitimation der Jagd in Frage zu stellen?

Der Wolf ist nun ein eindeutiger Indikator dafür, ob der lauthals propagierte Natur- und Artenschutz ein ehrliches Signal oder nur heiße Luft ist. Doch auf die einfache Frage: „Nun sag, wie hast du's mit dem Wolf?" hat der Generalsekretär der Zentralstelle Österreichischer Landesjagdverbände namens der offiziellen Jägerschaft bisher geantwortet, wie man auf Gretchenfragen meist antwortet, nämlich ausweichend. Wölfe „müssen geschützt und respektiert werden ", was jedoch durch seine so lakonische wie kategorische Feststellung: „Eine dauerhafte Wolfspopulation wird sich in den nächsten 50 Jahren in Österreich nicht ansiedeln" relativiert wird. Nicht ansiedeln? Wölfe sind anpassungsfähig und kommen, wie viele andere Wildtiere auch, in einer Kulturlandschaft gut zurecht. Manch einer wird bleiben wollen. Und er bringt die Jägerschaft in ein Dilemma: Verhindert sie die Ansiedlung von Wölfen, wird die ohnehin geringe gesellschaftliche Akzeptanz der Jagd weiter abnehmen. Nach Jahrzehnten von Nachrufen und Vermisstenanzeigen ist die Rückkehr der Wölfe endlich wieder eine Geburtsanzeige im Natur und Artenschutz - und man wird es jenen sehr übel nehmen, die diesen Zuwachs an Artenvielfalt aus rein eigennützigen Gründen verhindern. Umfragen bescheinigen den Jägern bereits jetzt einen schlechten Ruf, und dieser wird in den kommenden Jahren nicht besser werden, sollte sich der plakatierte Natur- und Artenschutz als Heuchelei erweisen - und eine demokratische Gesellschaft kann, wie im Kanton Genf, Hobbyjäger auch abschaffen. Dort übernehmen seit 1974 Wildhüter die jagdlich notwendigen Aufgaben und das System funktioniert seit fast 40 Jahren zufriedenstellend.

Stehen die Jäger hingegen zu ihrer selbstgewählten Verantwortung und akzeptieren den Wolf als Mitjäger, so muss wohl die bestehende Rotwildhege und Jagdbewirtschaftung von den Jägern selbst grundlegend geändert werden, sofern sie ihr Rotwild nicht von Hirten und Herdenschutzhunden bewachen lassen wollen (eingezäunt sind die Fütterungen oftmals ja schon). Die Rotwildjagd steckt nicht nur in den nutzlos, ja hinderlichbgewordenen Selbstbeschränkungen eines Hegesystems zur Anhebung der Wildbestände fest, sondern auch in einem anachronistischen Wertsystem: Die Trophäe spiegelt längst nicht mehr die Umweltverhältnisse wider, sondern in hohem Maß die Haltungsbedingungen in den sieben, oft acht Wintermonaten, den Zucht- und Aufzuchterfolg. Tatsächlich wird in fortschrittlichen Jagdkreisen die Fütterung zunehmend in Frage gestellt, gibt es innerhalb der Jägerschaft zahlreiche Bestrebungen, den Jäger aus den obsolet gewordenen und reichlich abstrus anmutenden Strukturen und Gebräuchen dieses überfrachteten Jagdsystems zu befreien.

Noch ist es Häresie für die Rotwildbejagung an Alternativen zum Reviersystem zu denken. Eine allgemeine Umsetzung veränderter Wertungen der Jagd bedarf freilich auch der Bereitschaft anderer Gesellschaftsgruppen ihren Landnutzungsegoismus deutlich einzuschränken - wie sie etwa für die Einrichtung von Wildruhezonen oder die Lockerung von Rotwildzonierungen unerlässlich ist. Doch letztlich ist ein jagdliches und jagdwirtschaftliches„update" erforderlich, eine Eingliederung der Jagd in die grundlegend veränderten gesellschaftlichen und ökologischen Rahmenbedingungen.

Hemmschuh dafür ist die Befürchtung der Jäger und Grundeigentümer, die Kontrolle über, beziehungsweise die Einkünfte aus der Jagd zu verlieren. Doch die Angst mancher Jäger, Wölfe würden für „Schalenwildbestände beinahe doch ganz adieu" bedeuten, ist irrational. Im bestehenden Jagdsystem sind es nicht die niedrigen, sondern die hohen Rotwilddichten, welche letztlich die Jagd in Frage stellen: Im oberen Lechtal etwa, wo das Bundesheer ein Wildgatter bauen musste, damit ein Seuchenkommando der Veterinärbehörde, ausgerüstet mit Nachtsichtgerät und Schalldämpfer, das tuberkuloseverseuchte Wild, wie der Tiroler Landesveterinärdirektor versicherte, „tierschutzgerecht und schonend" über den Haufen schießen kann.

Die Jagd wird in den nächsten Jahren, vielleicht Jahrzehnten, um tiefgreifende Veränderungen nicht herumkommen. Statt des Hl. Eustachius, der aus Furcht vor einem Fehlabschuss schon gar nicht mehr zu jagen wagte, könnte dann der blinde Heilige Herväus der neue Schutzheilige der Jäger werden: Ihn führte ein Wolf durchs Leben.

Karoline Schmidt, geboren 1962 in Wien, Dr. phil., ist unabhängige Wildbiologin

Quelle: Diepresse.com vom 11.01.2013 | 17:13 | Karoline Schmidt

Zurück

Einen Kommentar schreiben